Tee-OFF tut weh – aber manchmal muss Wahrheit wehtun. Riccardo aus Radebeul und Benedikt (Freitagabend, gute Laune trotz schwerer Themen) sprechen über die Handelskrise, die Deutschland gerade durchrollt. Keine Panikmache, sondern ehrliche Analyse: Was läuft schief im deutschen Handel? Und noch wichtiger: Warum?
Die Schlagzeilen der Woche sprechen Bände:
- Zalando schließt Erfurt: 2.700 direkte Jobs betroffen
- ROFU (Spielwaren): 2.000 Mitarbeiter, 100 Filialen – insolvent
- Media Markt Saturn: Jetzt in chinesischer Hand
- NRW: 4.148 Insolvenzen im Jahr 2025
Das ist nicht nur Handel. Das ist Deutschlands wirtschaftlicher Kern, der blutet.
Die Fakten: Drei Schlagzeilen, eine Botschaft
1. Zalando schließt Erfurt: 2.700 Jobs weg – aber kein Pleite-Fall
Was auf den ersten Blick wie eine Hiobsbotschaft klingt, ist tatsächlich eine strategische Entscheidung. Zalando schließt seinen Logistik-Hub in Erfurt nicht wegen wirtschaftlicher Probleme, sondern wegen strategischer Neuausrichtung.
Der Plot Twist: Viele dachten, About You hätte Zalando übernommen. Falsch. Zalando hat About You übernommen und strukturiert nun die Logistik zentral um – für mehr Wettbewerbsfähigkeit.
Riccardo betont:
„2.700 direkte Jobs plus alle indirekten Dienstleister, Transportunternehmen – das ist für eine Region wie Erfurt, die nicht mit wirtschaftlicher Stärke glänzt, massiver Druck.“
Die unbequeme Wahrheit: Zalando macht es richtig. Sie investieren langfristig in Effizienz, auch wenn es kurzfristig schmerzt.
2. ROFU-Insolvenz: Wenn Weihnachten nicht mehr rettet
Der deutsche Spielwarenhändler ROFU mit 2.000 Beschäftigten und 100 Filialen ist insolvent. Der Grund? Ein katastrophales Weihnachtsgeschäft 2024/25.
Benedikts Lego-These bringt es auf den Punkt:
„Kinder bauen mit 6 los, hören mit 10 auf. Dann landet Lego auf dem Flohmarkt oder im Keller für die nächste Generation. Kaufen wir überhaupt noch neu?“
Die Frage dahinter: Haben wir das Konsum-Maximum erreicht? Sind Konsumenten heute so preisbewusst und nachhaltigkeitsorientiert, dass Second-Hand-Plattformen den stationären Handel überflüssig machen?
3. Media Markt Saturn: Die stille Übernahme
„Ich habe 10 Gespräche geführt – keiner wusste es“, sagt Riccardo fassungslos. Media Markt Saturn ist jetzt in chinesischer Hand. Eine Übernahme, die durch die Medien ging – aber kaum jemand hat’s registriert.
Warum das wichtig ist: Es geht nicht nur um Spielwaren oder Mode. Selbst die, die „noch funktioniert haben“, werden übernommen. Die Durchdringung ist tiefer, als wir wahrhaben wollen.
Die Insolvenz-Statistik: Deutschlands Wirtschaftskern blutet
Riccardo liest die Zahlen vor – und sie sind erschreckend:
- Nordrhein-Westfalen: 4.148 Insolvenzen
- Bayern: 2.651 Insolvenzen
- Baden-Württemberg: 1.971 Insolvenzen
- Hessen: 1.677 Insolvenzen
„Das ist unser wirtschaftlicher Speckgürtel. Wenn es dort so reinschneidet, ist das strukturell bedenklich“, analysiert Riccardo.
Benedikt kontert (mit Humor): „Sachsen nur 610 Insolvenzen. Wenn du einen Zufluchtsort suchst, Riccardo legt ein Wort für dich ein!“
Der eigentliche Feind: Unsere Investitionsmentalität
Hier wird es unbequem. Riccardo bringt das Kernproblem auf den Punkt:
„Deutscher Handel denkt: 100.000 Euro investieren → 100.000 Euro Ertrag in einem Monat. Amazon wurde 10 Jahre lang belächelt, weil sie ’nur Verluste‘ machten. Heute sehen wir nur noch ihre Logistikzentren.“
Die falsche Rechnung: Investition ist langfristig. Nicht: Euro rein, Euro raus.
Benedikt ergänzt: „Zalando hat jemanden übernommen wegen Innovation. Die haben investiert. Aber wir lachen über die Zahlen und sagen: ‚Die machen doch nur Verluste.'“
Beispiel Zalando (damals):
- Unproblematisches Zurückschicken ohne Fragen
- „Ich will es zurückschicken, OK, gib her“ – dieser Servicegedanke war revolutionär
- Investition in Kundenzufriedenheit, nicht in sofortigen Profit
Temu: Der neue Standard (kein Bashing!)
Benedikt stellt klar:
„Das ist kein Temu-Bashing. Das ist ‚Look how the Kings are doing it‘. Das ist der neue Standard.“
Die Zahlen sprechen für sich:
Temu’s Werbebudget (recherchiert während der Aufnahme):
- April 2025: 66 Millionen USD Werbung
- Davon 49% für Europa
- Jahresbudget: 3-5 Milliarden USD
Benedikt:
„Das musst du dir mal reinziehen. Das sind Dimensionen, die kein deutscher Händler abbilden kann.“
Temu’s Strategie:
- Aggressive Marktdurchdringung: Milliardenbudget für Marketing
- Gamification: Push-Notifications, Glücksspiele in der App, Discount-Kadenz
- Direktvertrieb: Kein Zwischenhändler mehr – direkt vom Produzenten zum Konsumenten
- Quality-Shift: „Auf Temu kannst du jetzt iPhones kaufen. Apple hat gesagt: Das ist ein guter Absatzmarkt.“
Riccardo:
„Das zeigt doch: Wir haben gepennt. Amazon hat das Handelsgeschäft gemacht, um AWS voranzubringen. Die denken strategisch. Wir denken quartalsweise.“
Das Regulierungs-Paradox: Wir ersticken uns selbst
Riccardo wird emotional:
„Fernabsatzgesetz, DSGVO, Leiter-TÜV – wir ersticken uns selbst. Temu interessiert das nicht. Wir torpedieren unsere eigenen Unternehmen.“
Beispiel Fernabsatzgesetz:
Deutsche Händler müssen:
- Versandkosten berechnen (nicht mehr kostenlos)
- Rücksendekosten transparent machen
- 14 Tage Widerrufsrecht garantieren
Temu/Shein/Co.:
- Verschicken als „Muster“ ohne Zollgebühren
- Nutzen rechtliche Grauzonen
- „How to get your money back“-Videos auf YouTube: Ware kaputt angekommen → Geld direkt zurück
Riccardo:
„Wir haben eine Leiterverordnung. Leitern ab X Metern brauchen TÜV-Siegel. Wie weit wollen wir das noch treiben?“
Qualität vs. Preis: Die unbequeme Rechnung
Riccardo stellt die Kernfrage:
„Wie kann es sein, dass jemand, der uns was 10.000 Kilometer hierher schicken muss, so viel günstiger ist?“
Benedikt:
„Eine Jeans von Temu hält ein Jahr. Eine Levi’s oder Wrangler hält 5 Jahre. Macht das den Unterschied?“
Die Realität:
- Konsumenten rechnen kurzfristig
- „Geil ist, geizig zu sein. Geil ist, ein Schnäppchen zu machen.“
- Second-Hand-Boom verstärkt den Trend
Benedikts Lego-Analyse:
„Du baust mit 6, hörst mit 10 auf. Dann landet es auf dem Flohmarkt oder im Keller. Die nächste Generation kauft gebraucht bei eBay Kleinanzeigen. Vielleicht sogar originalverpackt. Dann ist der Nachhaltigkeitsgedanke da UND du sparst.“
Was bleibt uns noch? Die Produktions-Perspektive
Riccardo beobachtet eine Verschiebung im eigenen Unternehmen:
„Unsere Projekte haben sich von Handel zu Produktion verschoben. Prozentual ist das, was wir früher mit Shopsystemen gemacht haben, jetzt ersetzt durch Produktionsprojekte.“
Beispiel aus dem Portfolio:
- KI-basierte Konfigurationen für Produktionsbetriebe
- Automatisches Einfärben von Bildern für Händler (KI statt Fotostudio)
Riccardo:
„Ein eigenes Fotostudio wie früher im Automobilbereich? Das kannst du dir heute nicht mehr leisten. Aber solche Innovationen funktionieren noch.“
Die These: Wo richtig Masse im Handel passiert, sind wir nicht mehr wettbewerbsfähig. Aber in Nischen und Produktion gibt es noch Chancen.
Benedikts Private-Equity-Einblick (Bonus)
Benedikt erzählt von einem Kollegen im Private Equity:
„Der verkauft gerade 4 Gießereien in Großbritannien an China. Im Kaufvertrag: 10 Jahre müssen sie operativ weiterlaufen, Arbeitsplätze erhalten. Mein Kollege sagt: ‚Auf den Tag genau nach 10 Jahren wird da alles rausgeschmissen. Dann wird nur noch chinesischer Stahl reimportiert. Das ist Market Entry.'“
Die Erkenntnis:
„Das passiert überall. Wir regen uns auf, aber wir machen nichts. Die Welt hat sich verändert. Es geht wieder alles.“
Die EU-Hoffnung: Ein Lichtblick
Riccardo gibt zu:
„Was mir diese Woche wirklich Hoffnung gegeben hat: Die Europäer haben gegen Trump gehalten. Grönland bleibt ohne Visum erreichbar. Das zeigt: Wir können, wenn wir wollen.“
Benedikt:
„Aber wir müssen in Europa flexibler werden. Wenn wir ein gemeinsames Europa wollen, müssen wir sagen: OK, dann wird da produziert, wo es Sinn macht. Nicht mehr ‚Ich lebe jetzt hier und das bleibt so.'“
Die Balance: Zwischen EU-Gemeinschaft und nationaler Eigenständigkeit, zwischen Regulierung und Wettbewerbsfähigkeit.
Fazit: Kein Pessimismus, sondern Weckruf
Riccardo:
„Wir haben heute weniger gelacht als sonst. Aber es ist wichtig, diese Gespräche zu führen.“
Benedikt:
„Das ist kein Temu-Bashing. Das ist: ‚So machen es die Kings.‘ Wir müssen uns daran gewöhnen oder wir bleiben zurück.“
Die 3 Kernforderungen:
- Investitionsmentalität ändern: Langfristig denken, nicht quartalsweise
- Regulierung überdenken: Europäische Standards, die nicht nur uns selbst behindern
- Flexibilität erhöhen: Standorte, Strategien, Geschäftsmodelle anpassen
Riccardo’s Abschluss:
„Zalando zeigt: Es geht. Auch wenn es schmerzt. Aber wir müssen endlich aufwachen.“
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