Wie viel Prozent deines Codes schreibt eigentlich schon eine KI? 40 Prozent – so lautet die aktuelle Schätzung aus mehreren globalen Analysen. Was das bedeutet, wer davon profitiert und warum trotzdem kein Entwickler seinen Job verlieren wird, darüber sprechen Riccardo Sachse und Benedikt Hirschfelder in Staffel 2, Folge 9 von Tee-OFF.

Keine Klickbait-These, keine Panikmache. Stattdessen: Eine nüchterne, erfahrungsbasierte Einordnung von zwei IT-Profis, die selbst im Daily Business damit arbeiten – und sich auch die unbequemen Fragen nicht sparen.

1. Das Grundproblem: ‚KI-Projekt‘ ist ein Denkfehler

Riccardo bringt es direkt auf den Punkt: Es gibt kein sinnvolles ‚KI-Projekt‘. Was es gibt, sind Fibu-Projekte, E-Commerce-Projekte, ERP-Projekte – in denen KI bestimmte Prozesse beschleunigt, automatisiert oder verbessert. KI ist eine Technologie, kein Selbstzweck.

Diese Unterscheidung klingt trivial, ist aber fundamental. Wer KI als Projektziel definiert, baut auf Sand. Wer KI als Werkzeug einsetzt, baut auf Erfahrung.

„KI ist ein Trugschluss als Projektinhalt. Du machst maximal ein Fibu-Projekt und nutzt dort KI, um bestimmte Prozesse zu automatisieren.“ – Riccardo Sachse

2. Die 40/60-Frage: Wer schreibt den Code wirklich?

Benedikt fragt live die KI – und bekommt eine klare Antwort: Weltweit werden derzeit etwa 40 bis 46 Prozent aller neu erstellten Programmzeilen von KI-Tools generiert oder stark beeinflusst. Die verbleibenden 60 Prozent schreibt oder prüft weiterhin ein Mensch.

Was das in der Praxis bedeutet: KI übernimmt Boilerplate-Code, Test-Routinen und Dokumentation. Die anspruchsvollen Teile – Architektur, Security, Business-Logik, Qualitätssicherung – bleiben Menschensache. Das Anforderungsprofil für Entwickler verschiebt sich damit nicht nach unten, sondern nach oben.

Riccardo zieht eine direkte Parallele zur Industrialisierung: Die Einführung des Fließbandes hat nicht Millionen Jobs vernichtet, sondern die Art der Jobs verändert. Das Gleiche passiert gerade in der Softwareentwicklung – nur schneller.

Kurz: 40 % KI, 60 % Mensch – aber die menschlichen 60 % werden anspruchsvoller, nicht weniger.

3. Die moralische Frage: Wem vertraue ich mein Leben an?

Ein Spurhalteassistent auf einer Baustelle nahe Chemnitz erkennt gelbe statt weißer Linien nicht – und kämpft mit einer Mitarbeiterin mehrere Kilometer lang. Ein anderes Auto greift bei Schneespuren ein, obwohl kein Risiko besteht. Riccardo stellt die entscheidende Frage:

„Ich werde als Mensch über Gesetze und Vorgaben dazu verdonnert, Technik zu vertrauen. Wo wird dort nicht eine Grenze überschritten?“

Die Diskussion geht tiefer: Wenn KI-generierter Code in einem Kalkulationsmodul einen Fehler hat und dadurch finanzieller Schaden entsteht – wer haftet? Die Frage nach Verantwortung bei KI-Fehlern ist keine akademische, sondern eine unmittelbar praktische, die Benedikt und Riccardo als IT-Dienstleister selbst betrifft.

Benedikt kontert mit dem Gegenargument: Unfälle passieren auch heute, wenn Menschen einschlafen. Assistenzsysteme haben schon Leben gerettet. Die Wahrheit liegt – wie immer bei Tee-OFF – irgendwo im Graubereich.

4. KI macht uns nicht weniger beschäftigt – nur anders

Benedikt bringt einen der schärfsten Gedanken der Folge: Was passiert, wenn KI die Vorkategorisierung von E-Mails übernimmt? Der Geschäftsführer trifft dann nicht mehr 20, sondern 30 Entscheidungen am Tag. Mehr Output, aber auch mehr kognitive Last.

Das spielt direkt in die Debatte um Friedrich Merz‘ Forderung, mehr zu arbeiten: KI erhöht die Quantität der Aufgaben, aber die Qualität der Entscheidungen bleibt menschlich begrenzt. Und irgendwann ist Schluss – genauso wie beim Sportler, der durch Supplements nicht unbegrenzt leistungsfähiger wird.

Fazit: KI optimiert Prozesse, nicht Menschen. Der Mensch bleibt das limitierende Element – und das ist gut so.

5. Change Management bleibt Menschensache

Auch wenn KI irgendwann 95 % einer Software entwickelt – implementieren, erklären und leben muss sie ein Mensch. Change Management existiert nicht umsonst. Niemand kann morgen sagen: ‚Ich hab das System über Nacht umgestellt, viel Spaß.‘

Das ist kein Argument gegen KI. Es ist ein Argument für realistische Erwartungen – und für IT-Profis, die den Unterschied zwischen Technologie und Transformation verstehen.

Fazit

Tee-OFF Staffel 2, Folge 9 liefert das, was man von einem guten IT-Podcast erwartet: Keine Hype-Blasen, keine Doomszenarien. Stattdessen ehrliche Einordnung aus der Praxis, klare Argumente – und die Bereitschaft, auch unbequeme Fragen zu stellen.

KI verändert die IT. Das ist keine These, das ist Fakt. Aber wie, in welchem Tempo und mit welchen Konsequenzen für Menschen – das ist komplexer, als jede Schlagzeile vermuten lässt.

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Tee-OFF Staffel 2 Folge 9: KI trifft IT: Wie künstliche Intelligenz die IT-Branche wirklich verändert