Staffel 2, Folge 11 von Tee-OFF ist etwas Besonderes – zum ersten Mal seit Langem sitzen Riccardo Sachse und Dr. Benedikt Hirschfelder gemeinsam in einem Raum. Ein Düsseldorfer Coworking Space wird zur Kulisse für das nächste Kapitel ihrer IT-Projekt-Reihe.

In Folge 9 haben die beiden die erste Phase der Softwareentwicklung beleuchtet: die Ära der Individualentwicklung. Heute geht es um Phase 2 – die Welt der Standardsoftware. Was hat sie gebracht? Was hat sie versprochen? Und warum ist sie trotzdem kein Allheilmittel?

Die Ära der Standardsoftware – Warum sie kam und was sie versprach

In der ersten Softwarephase war alles maßgeschneidert. Jedes Unternehmen hatte seine eigene Software, seine eigenen Entwickler, seine eigene Wartung. Das war teuer – nicht nur in der Entwicklung, sondern vor allem im laufenden Betrieb. Zehn Support-Mitarbeiter für zehn verschiedene Systeme? Wirtschaftlich kaum darstellbar.

Die Lösung: Standardsoftware. Branchenlösungen, die für viele Unternehmen gleichzeitig funktionieren. Riccardo fasst es treffend zusammen: „Warum soll ich als Einzelunternehmen etwas entwickeln lassen, was andere auch brauchen?“

Die großen Namen dieser Phase: SAP (für Großkonzerne), Navision (heute Microsoft Dynamics) für den Mittelstand und das heute weniger bekannte KHK – gegründet von Karl-Heinz Killight, später von Sage übernommen. Drei Produkte, drei Größenordnungen, ein gemeinsames Versprechen: Effizienz durch Standardisierung.

SAP – Europas unterschätzter Tech-Champion

Mit 34 Milliarden Euro Umsatz in 2024 ist SAP das größte Softwareunternehmen Europas. Im Vergleich: Volkswagen macht 320 Milliarden, Siemens 75–80 Milliarden. SAP ist also kein Gigant im klassischen Sinne – aber es ist eines der wenigen europäischen Technologieunternehmen, das auf der globalen Bühne mitspielt.

Benedikt bringt es auf den Punkt: „Ich glaube, das muss man SAP und auch Europa hoch anrechnen, dass wir überhaupt im Vergleich zu Amerika ein Softwareunternehmen haben, das es international auf die Bühne schafft.“

SAP hat alle Phasen mitgemacht – von On-Premise hin zur Cloud. Das ist kein Selbstläufer, das ist Change Management in Reinkultur.

Customizing – Das missverstandene Herzstück

Wer denkt, Standardsoftware läuft einfach „out of the box“, irrt. Zwischen der Installation und dem produktiven Einsatz liegt ein entscheidender Schritt: das Customizing.

Customizing bedeutet: Die Software wird an die Firmenidentität, Prozesse und Anforderungen angepasst – ohne die grundlegende Business-Logik zu verändern. Riccardo erklärt den Unterschied so: „Für mich war Customizing immer dann, wenn ich keine Business-Logik neu einbringe. Sobald ich das tue, rede ich schon wieder über Individualentwicklung.“

Navision hat hier früh einen anderen Weg eingeschlagen als SAP: Felder konnten Nutzer selbst anlegen oder ausblenden. Eine scheinbar kleine Geste mit großer Wirkung auf die Nutzerakzeptanz.

Die Schuldfrage – Software oder Unternehmen?

Wenn CRM-Projekte floppen, zeigen Unternehmen gerne auf den Softwareanbieter. Bequem. Verständlich. Und fast immer zu kurz gedacht.

Benedikt bringt ein treffendes Beispiel: Salesteams, die eine neue CRM-Software einfach nicht nutzen. Das liegt selten an der Software – häufig an fehlendem Change Management, schlechter Datenqualität oder unrealistischen Erwartungen.

„Sobald die Software einmal erfolgreich eingeführt ist, funktioniert die Software – technisch gesehen“, sagt Riccardo. „Alles andere sind projektspezifische Sachen, methodische Themen.“

Der Wunsch, Verantwortung abzugeben, zieht sich durch die gesamte IT-Geschichte. Ob Berater, Softwareanbieter oder externe Dienstleister – das Grundmuster bleibt dasselbe.

Permanente Transformation – Kein Endzustand, sondern Prinzip

Riccardo und Benedikt sprechen über ein Konzept, das älter ist als IT: den kontinuierlichen Verbesserungsprozess (KVP) aus dem Qualitätsmanagement. Was die ISO-Zertifizierung schon immer eingefordert hat, gilt heute auch für Software: Nie aufhören, sich zu verbessern.

„IT wird jetzt gerade erwachsen“, sagt Benedikt. „Und dabei differenziert es sich ganz stark.“

Die Frage ist nicht, ob ein IT-System perfekt eingeführt wird. Die Frage ist, ob das Unternehmen bereit ist, sich dauerhaft anzupassen. Ein Prozess, der zum Zeitpunkt der Einführung funktioniert, muss nicht in fünf Jahren noch richtig sein.

Fazit – Phase 3 kommt

Die Phase der reinen Standardsoftware war kurz – rund zehn Jahre. Warum? Weil Unternehmen merkten, dass sie sich durch erzwungene Standardisierung kaum noch differenzieren konnten. Der Markt brauchte das Beste aus beiden Welten.

Was das konkret bedeutet und wie die aktuelle IT-Welt aussieht – das ist Thema der nächsten Folge. Soviel vorab: Die Antwort liegt – wie so oft – irgendwo in der Mitte.

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Tee-OFF Staffel 2 Folge 11: Warum IT-Projekte scheitern (Teil 2) – Standardsoftware, Customizing und die ewige Schuldfrage