Drei Folgen lang haben Riccardo Sachse und Dr. Benedikt Hirschfelder tief im Maschinenraum gearbeitet: Warum scheitern IT-Projekte? Was läuft in Unternehmen strukturell schief? Welche historischen Phasen – von kundenindividueller Entwicklung über Standardsoftware bis zur modernen Branchenlösung – haben uns hierher gebracht?
In Staffel 2, Folge 13 des Tee-OFF Podcasts wird der Blick bewusst weiter. Zum ersten Mal zu dritt: Dominik Manzke, Head of Business Development bei einem IT-Nearshore-Unternehmen und Riccardos Chef, ist extra aus Rumänien nach Düsseldorf eingereist. Was als Nachgespräch nach einem Whisky-Tasting beginnt, entwickelt sich zu einem der gehaltvollsten Gespräche dieser Staffel.
Rückblick: Was bleibt von drei Folgen IT-Projekt-Scheitern?
Riccardo rekapituliert: Die Geschichte der IT-Entwicklung lässt sich in wenigen Jahrzehnten erzählen – aber die Lektionen daraus sind zeitlos. Von den 1960er Jahren, als Software ausschließlich für individuelle Kundenbedürfnisse geschrieben wurde, über die Hochphase der Standardsoftware (SAP, Navision, KHK) bis hin zur Erkenntnis: Reines ERP kann die spezifischen Anforderungen des Mittelstands nicht abbilden.
Die Kernbotschaft, die das Trio mitgenommen hat: IT ist kein Inhalt – IT ist Mittel zum Zweck. Und dieser Zweck ist immer der Kundennutzen.
Agilität vs. Standardisierung: Der richtige Mix
Ausgelöst durch einen Vortrag, den Bene auf der Kundenveranstaltung in Düsseldorf erlebt hat, wird eine Gretchenfrage diskutiert: Wie viel Agilität braucht ein mittelständisches IT-Projekt – und wie viel Standardisierung?
Die Antwort ist keine Zahl, sondern ein Gleichgewicht. Zu viel Agilität schafft Ungewissheit und Projektchaos. Zu wenig Standard führt zu individuellen Insellösungen, die nicht skalieren. Der richtige Mix ist situativ – und genau darin liegt die Herausforderung für IT-Entscheider im Mittelstand.
Gast Dominik Manzke: Die Außenperspektive aus Rumänien
Dominik Manzke bringt eine seltene Außenperspektive mit. Als Head of Business Development eines Nearshore-IT-Unternehmens, das tief im deutsch-rumänischen Markt verwurzelt ist, erlebt er beide Welten. Rumänien liegt direkt an der ukrainischen Grenze – die geopolitische Situation ist dort greifbarer als in Deutschland.
Sein Blick auf Deutschland ist nüchtern und respektvoll zugleich: „Deutschland ist der Motor Europas. Und wenn der nicht gut läuft, läuft ganz Europa nicht gut.“ Die kulturellen Verbindungen – Stichwort: Siebenbürger Sachsen – verleihen dieser Einschätzung zusätzliches Gewicht.
Unternehmen in der Krise: Investieren oder einfrieren?
Riccardo beschreibt zwei konträre Reaktionsmuster, die er gerade im deutschen Mittelstand beobachtet. Die erste Gruppe setzt auf Offensive: jetzt investieren, sich für die Zukunft aufstellen, auch wenn die Rahmenbedingungen schwierig sind. Die zweite Gruppe schaltet in den Überlebensmodus: Kosten zusammenhalten, Investitionen zurückstellen – und fällt damit in ein Denkmuster zurück, das man längst überwunden glaubte: IT als Kostenblock, der sich amortisieren muss.
Wer hat recht? Das Trio enthält sich einer eindeutigen Antwort – zu unterschiedlich sind die Ausgangslagen der Unternehmen. Aber die Tendenz ist klar: Wer heute nicht in tragfähige IT-Architektur investiert, zahlt morgen einen höheren Preis.
Geopolitik, Spritpreise & was das mit IT zu tun hat
Die Rohstoffabhängigkeit bei Computerchips, die Energiepreise, der Iran-Konflikt und seine unmittelbaren Auswirkungen auf deutsche Tankstellen: Das sind keine abstrakten Nachrichten, sondern direkte Einflussfaktoren auf IT-Budgets, Lieferketten und Investitionsentscheidungen im Mittelstand.
Besonders der Dieselpreis-Vergleich macht nachdenklich: Rumänien 2,20 €, Italien 1,99 €, Tschechien 1,92 €. Die Begründungen aus der deutschen Politik überzeugen das Trio nicht. Und der Unmut ist nicht nur persönlich – er schlägt sich in echtem Kaufzurückhaltung und Investitionsskepsis nieder.
Politische Spirale: Wann hört das Nörgeln auf?
Von Olaf zu Friedrich, von Lars zu Bärbel – Riccardo fasst das Gefühl vieler zusammen: Es fehlt gerade der politische Horizont. Wahlzyklen von vier Jahren ermöglichen keine langfristige Wirtschaftspolitik. Dominik bringt die erfrischende Gegenperspektive: In Rumänien beschäftigen sich die Menschen weniger mit politischen Spiralen und mehr mit ihrem Alltag.
Die eigentliche Botschaft dahinter: Nicht alles auf die Politik schieben. Machen. Anfassen. Aufhören zu nörgeln – und das, obwohl der Unmut berechtigt ist.
Fazit
Tee-OFF Staffel 2, Folge 13 ist eine Folge des großen Kontexts. IT ist Mittel zum Zweck – aber dieser Zweck existiert nicht im Vakuum. Er wird geformt von Geopolitik, Energiepreisen, politischen Rahmenbedingungen und dem kulturellen Selbstverständnis eines Landes.
Die drei Teilnehmer ziehen kein abschließendes Fazit – aber sie stellen die richtigen Fragen. Und das ist manchmal mehr wert.
Jetzt reinhören:
🎵 Spotify | 🎧 Apple Podcasts
📧 Newsletter abonnieren | 🌐 tee-off.live
